Niederwalgern
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Gärten für die Vielfalt - Warum, wieso und wie?

Zusammenfassung eines öffentlichen Vortrages im Rahmen des Biodiversitäts-Projektes in Niederwalgern 2017

 

50 interessierte Zuhörer führte Frau Dr. Indra Starke-Ottich in die Geheimnisse der Gärten der Vielfalt ein.

Die Nahrungsmittelerzeugung ist in unseren Gärten längst in den Hintergrund gerückt, bei den meisten Gärten in den Dörfern unserer Region dominiert heute die Zier- und Freizeitnutzung. Die veränderten Ansprüche bieten viele Ansatzpunkte die Gärten zu Lebensräumen für Tiere und Wildpflanzen zu entwickeln. Und dies wird zunehmend wichtiger, da die Versiegelung in Deutschland täglich fortschreitet und viele Arten auf den intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen keine Lebensgrundlage mehr haben.

 

Dabei muss ein vielfältiger Garten nicht „unordentlich“ oder „verwildert“ sein. So ist es Schmetterlingen und Wildbienen egal, ob die Blumen in buntem Durcheinander oder auf gerader Linie stehen. Wenn einige Punkte bedacht werden, können wunderschöne Gärten entstehen, in denen sich Mensch, Tier und Pflanze gleichermaßen wohlfühlen! Viele Anregungen bieten die üppigen Gärten in England. Dort ist es beispielsweise selbstverständlich, die wunderschönen englischen Rosen mit heimischen Arten wie Storchschnabel und Fingerhut zu kombinieren, wodurch viele Insekten Nahrung finden, die wiederum Vögeln oder Fledermäusen als Speise dienen können. Englische Gärtner wissen auch, dass die „Ordnung“ viel besser zur Geltung kommt, wenn man ein gewisses Maß an „Unordnung“ zulässt. Denn ohne diesen Gegensatz verkommt Ordnung sehr schnell zur Langeweile.

 

Ein schönes Beispiel dafür sind die Fugen am Rand des Gartens oder am Fuß der Häuser. In England lässt man diese gerne begrünen. Dadurch können sie zu einer Fortsetzung des Gartens werden und eine enorme Artenvielfalt entwickeln. Doch wie sieht es in unseren heimischen Dörfern aus? In der Regel sieht der deutsche Ordnungssinn vor, dass kein Kräutchen sein zartes Grün aus den Fugen strecken darf. Auf Plattenwegen und Höfen kommen leider regelmäßig Herbizide, Salz und Essig zum Einsatz. Und damit kommt manch einer unbeabsichtigt mit dem Gesetz in Konflikt! Das Pflanzenschutzgesetz in Deutschland verbietet nämlich den Einsatz dieser Mittel auf gepflasterten Flächen, da dies zu einer unnötigen Belastung des Grundwassers führt!

 

Ein weiterer Trend bereitet der Biologin Sorgen: Die neue Steinzeit im Vorgarten. Verschiedene Städte haben bereits Vorgartensatzungen erlassen, die unter anderem die Anlage der modernen Kiesgärten verbieten. Denn den Garten zuerst mit Folie auszulegen und anschließend mit Kies zu bedecken, führt zu einer zusätzlichen und unnötigen Versiegelung von Fläche. Die Steine heizen sich im Sommer viel stärker auf als Pflanzen oder Gartenerde und geben diese Wärme später wieder ab. Auch wenn dies in unseren Dörfern langsamer spürbar wird als in der Stadt, tragen diese Gärten damit zur ungünstigen Gesamtbilanz Deutschlands im Rahmen des Klimawandels bei.

 

Martin Hormann von der Staatlichen Vogelschutzwarte von Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland dokumentierte im nachfolgenden Vortag die negativen Bestandsentwicklungen der Vogelarten, die als Kulturfolger seit langer Zeit in direkter Nähe des Menschen leben. Gebäudebrüter wie Haussperling, Schleiereule und Mauersegler haben es schwer, da Sanierungen heute häufig so ausgeführt werden, dass diese Arten keine Nistmöglichkeiten mehr finden. Besonders gefährdet sind Rauch- und Mehlschwalbe, die einst als Glücksbringer beliebt waren. Ihre Nester werden heute oft vorsätzlich abgeschlagen, was übrigens ebenfalls gesetzlich verboten ist!

Doch nicht nur fehlende Nistplätze, sondern auch Nahrungsmangel macht vielen Vogelarten zu schaffen. So wird seit einiger Zeit in den Medien verstärkt auf das massive Insektensterben hingewiesen, das jeder leicht nachvollziehen kann, der sich erinnert, wie oft man vor 30 Jahren die Windschutzscheibe seines Autos von Insekten befreien musste.

Neben den großen Veränderungen vor allem in der konventionellen Landwirtschaft und der oben bereits erwähnten häufig naturfernen Gartengestaltung, tragen auch Hausbesitzer zu dieser Entwicklung bei, wenn sie in Hof und Garten alle Ameisen mit Backpulver abzutöten versuchen. Dabei sind Ameisen außerhalb der Häuser keine Schädlinge. Sie erfüllen wichtige Funktionen im Ökosystem, nicht zuletzt sind sie Nahrung für verschiedene Vogelarten, z.B. Wendehals, Grau- und Grünspecht.

 

Gärten haben mit 3,5% einen ebenso großen Anteil an der Fläche unseres Landes wie Naturschutzgebiete. Damit besteht ein großes Potential mit den Gärten dazu beizutragen, den Verlust der Artenvielfalt in Deutschland zu verringern. Der Landwirtschaft stehen übrigens trotz Flächenverlusten vor allem in Ballungsräumen immer noch über 50% der Fläche Deutschlands zur Verfügung.

 

Schon kleine Maßnahmen im eigenen Garten können dazu beitragen, dass unser Landkreis lebenswert bleibt – nicht nur für Menschen, sondern auch für wilde Tiere und Pflanzen.

R. Ho. - I.S.O.

seit September 2014

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